Gabriele Ressmann

Das Werk Richard Kaplenigs, Vertreter der jüngeren österreichischen Kunst, beschränkt sich nicht auf bestimmte Themen und Techniken. Ungemein vielfältig sind die Mischungsgrade zwischen Malerei, Fotografie und Bildhauerei, die der Künstler seit den frühen Neunzigerjahren erzielt. Aus der Natur und ihrer hierarchischen Existenz entwendet er Formen, Strukturen und Anordnungen - löst sie auf, erschafft sie neu. Kaplenig malt jedoch nicht vorher klar festgelegte Bilder - er ist vielmehr ein Künstler, der sich mit Lust in den Prozess des Schaffens begibt und die Sinnlichkeit der Improvisation genießt.

Seine neuesten, eher monochromen Arbeiten sind Bilder mit phantastisch beleuchteten Anschauungen, die reliefartige Struktur verleiht dem Werk zusätzliche Akzente. Es sind Abstraktionen, ausgehend von der Natur, die der Künstler als Landschaftsbilder versteht - Malerei pur. Die Farbe wird Schicht für Schicht aufgetragen, wobei die unteren Farbschichten immer wieder durchscheinen, die darüber liegenden durchbrechen und damit Offenheit bzw. eine gewisse Art von Transparenz suggerieren. Aus der spannungsvollen Auseinandersetzung zwischen den einzelnen malerischen Teilflächen entwickelt sich eine Dynamik im Bild, durch die Tiefenwirkung des subtilen Farbauftrags ergibt sich aber auch ein meditativer Zugang für den Betrachter.

Kaplenig ist jedoch nicht nur ein ausgeprägter Kolorist, sondern ein ebenso feinfühliger Graphiker. Vor allem in seinen Arbeiten auf Karton schweben graphische Elemente frei im Raum, treten hervor, durchbrechen die Harmonie der unterschiedlich überlagerten Schichten, bestimmen den Rhythmus der Komposition. Die verwendeten Formen und Zeichen wirken archaischen Ursprungs, wie Spuren aus einer unbekannten Vergangenheit: unbekannt aber doch nicht fremd möchte man sie nahezu als Archetypen bezeichnen, präexistente Formen eines kollektiven Unbewussten, Elemente einer transpersonalen Symbolwelt, welche der Künstler in seinen Arbeiten aus der undifferenzierten Kollektivität herausholt, in sein persönliches Weltbild integriert. Universen, die für den Betrachter nicht immer leicht zu lesen sind. Sowohl die Malerei als auch die zeichnerischen Elemente drängen sich bewusst aus der Bildfläche und deuten so die Aufhebung herkömmlicher, eingrenzender Raumvorstellungen an.

Kaplenigs Werk kann man der Neuen Abstraktion zuordnen, welche nicht mehr als Argument in einem geschlossenen Diskurs, sondern als Bestand eines ausschöpfbaren Potentials verstanden werden will. Es geht nicht mehr um die Entweder-Oder-Konsequenz von Fortschritt und Beharren, sondern vielmehr um ein Befreien von einer ständigen Beweislast. Es handelt sich um eine unprogrammatische, freie Abstraktion, welche es erlaubt sich aufs neue der Ästhetik der Komposition mit schwerelosem Gestus und mit befreitem Pinselstrich auf großformatiger Leinwand hinzugeben. Die Bilder müssen nicht mehr in einem Theoriezusammenhang erklärt werden, sie erklären diesen auch nicht: sie sind selbstverständlich. Es ist die Rückkehr zum abstrakten Bild als malerische Veranstaltung.